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Wie der Transhumanismus scheitern wird


#1

ich habe mir den kurzen arte- bericht über zoltan istvan angesehen.

sollte er jemals die welt regieren dürfen, wird er eine dystopie errichten. gut, das war jetzt rein fiktional, denn auf politischem weg wird niemals jemand die welt beherrschen, das funktioniert in diesem system nur über geld. was er dem transhumanismus einbringt, ist fragwürdige publicity. sollte er tatsächlich präsident werden, so wird er, wie jeder andere präsident zuvor auch, zu einer marionette bestehender wirtschaftsmächte umprogrammiert und nur die paar prisen transhumanismus, die mit den wirtschaftsinteressen konform gehen, verwirklichen dürfen. doch ob die lohnenswert sind, ist fraglich.
für seine kinder wünscht er sich wettbewerbsfähigkeit (im original sagt er m.e.: “competitive power”). nicht : optimale körperliche, seelische und geistige gesundheit, nicht optimale körperliche, seelische und geistige fähigkeiten. und vor allem nicht: lebensglück! jetzt könnte man behaupten, das, was ich als optimum vorschlage, würde menschen doch maximal wettbewerbsfähig machen. dies jedoch wäre ein grundlegender, weit verbreiteter denkfehler, der maßgeblich mit dafür verantwortlich ist, dass menschen immer noch keine gute zukunft für spätere generationen aufbauen.
“wettbewerbsfähigkeit” ist die gedankliche ausrichtung am bestehenden system und eben nicht am potential des menschen. das bestehende system wird als gegeben hingenommen und der mensch daran ausgerichtet und angepasst. diese denkweise erstickt jegliche visionäre kraft für grundlegende veränderungen! doch das selbe system nur in einer anderen geschmacksrichtung oder farbe weiterzuführen, ist mir zu wenig. eine überschreitung des menschen könnte nämlich im gegenteil bedeuten, dass zoltan istvans kinder weder energie in wettbewerbsfähigkeit, noch in konkurrenzdenken, noch in die anhäufung materieller mittel und öffentlicher anerkennung investieren, sondern in kooperation, miteinander, simple living und glück in menschlichen beziehungen.


(Michael Hrenka) #2

Erst einmal muss man sich klar machen, dass Zoltan Istvan ein US-Amerikaner ist. Das muss nicht zwangsläufig viel bedeuten, aber in diesem Fall ist es klar, dass Zoltan durch die wirtschaftslibertäre Kultur und Philosophie der USA geprägt ist. Es gibt klare Indizien, dass sich Zoltan stark in der Tradition von

sieht. Oft wird sogar gesagt, dass Zoltan’s buch

den Büchern von Ayn Rand nachempfunden wurde. Egoismus und kapitalistischer Sozialdarwinismus bestimmen das Weltbild von Ayn Rand und Zoltan Istvan. Dass Zoltan Istvan dennoch ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert ist erstaunlich, aber in seinem Interview mit Nikola Danaylov

sieht Zoltan den größten Vorteil des BGEs darin, dass es billiger sein soll als bisherige Sozialsysteme. Entweder ist Zoltan in diesem Bereich also völlig naiv, oder ihm schwebt ein BGE auf sehr niedrigem Niveau vor, zusammen mit dem völligen Abbau anderer Sozialsysteme. Das ist natürlich leicht besser als ein völliger Abbau aller Sozialsysteme, aber nicht besonders viel.

Zum einen muss man sagen, dass Zoltan kein typischer Repräsentant des Transhumanismus im Allgemeinen ist, andererseits ist er durchaus ein typischer libertärer US-Transhumanist, wenn auch sehr radikal und extrem in seinen Forderungen. Zudem muss man bedenken, dass Zoltan eigentlich ein Journalist ist, und darin liegt seine eigentliche Stärke. Seine Präsidentschaftskandidatur ist eigentlich nur eine große PR-Aktion für den Transhumanismus. Interessanterweise hat diese vor allem auf die Transhumanisten gewirkt, und diese angespornt weltweit transhumane / transhumanistische Parteien zu gründen.

Wie du geschildert hast, ist der Transhumanismus in seiner wirtschaftslibertären Rohfasstung nach Istvan keineswegs genug, um eine bessere Zukunft zu schaffen. Das haben schon viele andere Transhumanisten schon lange vor Istvans öffentlichem Auftauchen bemerkt, und haben daher Varianten des Transhumanismus ersonnen, die sich etwa Technoprogressivismus oder Sozialer Futurismus nennen. Diese Richtungen sind sich der Probleme unseres derzeitigen Wirtschaftssystems bewusst und wollen diese mindestens durch stärkere demokratische Kontrolle ambildern, wenn nicht gar durch alternative Systeme ersetzen. Momentan sind wir in der interessanten Situation, dass sich die transhumanistischen Parteien weltweit, dank Zoltan, “transhumanistisch” und nicht etwa technoprogressiv oder sozial futuristisch nennen. Jedoch sind die Parteien in Deutschland und UK ganz klar technoprogressiv bzw. sozial futuristisch, und damit nicht auf dem selben Kurs wie Zoltan Istvan, welcher nicht einmal eine richtige Partei, sondern effektiv nur eine kleine PR-Organisation, hat.

Aus meiner Sicht macht es Sinn transhumanistische Ideologien dahingehend zu kategorisieren wie sie zum momentanen Kapitalismus stehen. Ich sehe hier vier mögliche Optionen:

  1. Konservativ: Der momentane Kapitalismus wird als durchgehend gut anerkannt und soll beibehalten werden. Der “Neoliberalismus” ist das beste System das es gibt, und das Ende der Geschichte.
  2. Reformistisch: Der Kapitalismus ist grundsätzlich gut, trägt aber problematische Früchte, die man durch gezieltes politisches Eingreifen beheben muss. Ansätze wie Finanztransaktionssteuern, globale Vermögenssteuern, oder auch das BGE fallen in diese Kategorie, wobei das BGE noch am ehesten eine transformative Kraft entfalten kann.
  3. Transformativ: Der Kapitalismus soll so weiterentwickelt werden, dass er sich in ein anderes System transformiert, dass nicht mehr viel mit dem momentanen Kapitalismus zu tun hat. Ideen für dezentralisierte Organisationen und Unternehmen, dezentralisiertes BGE, und Reputationswirthschaft fallen in diese Kategorie.
  4. Revolutionär: Der Kapitalismus soll durch ein anderes System ersetzt werden, das nichts mehr mit dem ursprünglichen Kapitalismus zu tun hat. Durch individuelle Autarkie oder KI-gestützte Planwirtschaft sollen Geld und Kapitalismus überflüssig gemacht werden.

Ich ordne mich den wirtschaftstransformativen Transhumanisten zu. Eine digitale Überflusswirtschaft mit dezentralen Grundeinkommen entfaltet natürlich ganz andere Dynamiken als der heutige Kapitalismus, aber Geld wird er weiterhin geben – nur wird es dann keine so große Rolle mehr einnehmen.

Man muss natürlich erst einmal begreifen wie fragmentiert der Transhumanistisch im Bezug auf Wirtschaftsideologien ist. Wirtschaft ist nunmal kein Thema, das die größte Fantasien der Menschheit beflügelt, aber die Dynamik der Wirtschaft ist stark genug, um alle größeren Träume im Zweifelsfall zu Nichte zu machen.

Die Frage ist nun, wie man mit dieser ideologischen Fragmentierung umgeht. Zunächst kann man natürlich über diese Unterschiede hinwegsehen und sich auf transhumanistische Technologien und Innovationen konzentrieren. Das funktioniert meist auch erstaunlich gut, zumindest am Anfang. Die Vorstellungen darüber, welche Technologien man als Transhumanist haben will, sind relativ kompatibel miteinander. Nur die Frage wie die wirtschaftlichen und sozialen Systeme in einer transhumanistischen Zukunft aussehen sollen, wird von den Transhumanisten aus der verschiedenen ökonomischen Lagern sehr verschieden beantwortet, falls die Frage überhaupt mal aufkommt.

Letzendlich hängt der Erfolg des Transhumanismus davon ab, welcher Wirtschaftsideologie er sich am energetischten verschreibt. Welche Wirtschaftsform ermöglicht es denn am ehesten transhumanistische Technologien für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen?

  1. Wirtschaftskonservativer Transhumanismus? Eher nicht. Die zunehmende Konzentration des Reichtums in den Händen weniger sorgt nicht nur für massive soziale Probleme, sondern hemmt sogar die Leistung der Wirtschaft selber, denn wenn die Konsumenten immer weniger Geld in der Tasche haben, wird auch immer weniger verkauft werden können, und die Wirtschaft schrumpft. In einer schrumpfenden Wirtschaft hat man erst recht kein Geld für transhumanistische Technologien.
  2. Wirtschaftsreformistischer Transhumanismus? Schon eher. Das Problem der wirtschaftlichen Ungleichheit kann durch Wirtschaftsreformen mehr oder weniger behoben werden, allerdings bleiben noch einige Probleme bestehen. Der Kapitalismus ist nicht optimal effizient!
  3. Wirtschaftstransformativer Transhumanismus? Absolut! Eine Reputationswirtschaft wird digitalen Überfluss ermöglichen: Alle digitalen Güter werden frei. Auch der Preis materieller Güter wird fallen, da auch in diesem die Kosten für Information, und digitale Hilfsmittel enthalten sind. Wenn Information und digitale Hilfsmittel frei sind, werden auch materielle Güter sehr billig. Dies ermöglicht maximalen Wohlstand für alle.
  4. Wirtschaftsrevolutionärer Transhumanismus? Nicht wirklich! Technologien für individuelle Autarkie muss erst einmal jemand bezahlen. Und selbst wenn dies geschehen ist, wie sollen die Menschen miteinander kooperieren, um gemeinsam ihre Lebensqualität zu erhöhen? Eine KI-gesteuerte Planwirtschaft kann dank der immanenten Komplexität der Wirtschaft nicht funktionieren. Außerdem ist die Vorstellung, dass irgendeine Form von Planwirtschaft menschlichen Bedürfnissen maximal entgegenkommt, ziemlich naiv.

Nun werden sich einige aber denken: Aber in der Zukunft werden Roboter und KIs alle Arbeit übernehmen, und wir werden mit 3D Druckern und Replikatoren alles herstellen können, was wir wollen. Dies ist allerdings eine zu grobe Vereinfachung. Aus mehreren Gründen:

  1. Die Übergangsperiode in der wir jetzt stecken wird ignoriert. Irgendwie müssen wir aber von unserer derzeitigen “Vollbeschäftigung” zur “Vollautomatisierung” gelangen.
  2. Der Fokus steckt bei solchen Argumenten zu sehr auf materiellen Gütern. Diese spielen in unserer Dienstleistungsgesellschaft aber eine zunehmend geringere Rolle! Beschäftigen sich Menschen primär mit materiellen Gütern? Nein, sie schauen Fern, nutzen Apps, und spielen Spiele! Es werden digitale Kulturgüter konsumiert. Natürlich könnten KIs auch digitale Kulturgüter herstellen, aber das schlägt kaum jemand explizit vor!
  3. KIs und Roboter, die allerlei Tätigkeiten ausüben können, die Menschen auch machen können, sind tendenziell ziemlich menschenähnlich. Darf man diese dann noch einfach so als Werkzeuge benutzen? Nein, denn damit macht man diese zu den neuen Sklaven der Menschen. Als reine Werkzeuge sollten nur nicht menschenähnliche, nicht empfindungsfähige, völlig automatische KIs und Roboter eingesetzt werden.
  4. Wofür braucht eine völlig automatisierte Wirtschaft noch Menschen? Sind diese für das Funktionieren des Systems denn nicht nur noch ein Störfaktor, den es zu eliminieren gilt?

Automatisierung wird natürlich stattfinden, aber wenn sie richtig gemacht wird, vergrößert diese einfach nur unsere Fähigkeit die Realität effektiver nach unseren Wünschen umzugestalten. Gearbeitet wird noch immer, dafür aber an ineressanteren, wichtigeren, und lohnenswerteren Projekten, etwa an:

  • Persönlicher Weiterentwicklung
  • Technologischer Innovation
  • Kultureller Weiterentwicklung
  • Kooperativer Kulturerzeugung
  • Wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn
  • Philosophischem Erkenntnisgewinn
  • Steigerung der persönlichen Wohlbefindens und des Wohlbefindens von anderen
  • usw.

Der Transhumanismus hat noch keine klare Antwort darauf, wie menschenähnliche KIs, oder auch andere KIs in unsere Kultur integriert werden sollen. Stellt man sich diese Frage nicht, läuft man unweigerlich blind in ein Labyrinth aus potenziellen Katastrophen. Daran sollte man also tatsächlich recht bald arbeiten.


#3

vielen dank für den ausführlichen beitrag und das großartige interview. socrates ist immer sehr angenehm anzuhören mit seiner klaren, durchdachten art und auch zoltan istvan kam sympathisch rüber. er scheint vorallem aufrichtig darüber, was er will und welche geschickte methode er für sein ziel verfolgt. er ist bekennender opportunist und vollkommen glaubwürdig, dass er alles in seiner macht stehende tun wird, um den tod abzuschaffen. sollte er zugriff auf viel geld bekommen, vertraue ich ihm, dass er das auch wirklich der langlebigkeitsforschung zur verfügung stellen wird.
politisch, intellektuell und wissenschaftlich jedoch ist er begrenzt und er bleibt sehr oberflächlich. auch das fand ich sympathisch, dass er aufrichtig über seine unwissenheit in detailfragen ist und seine rolle ganz klar auf die funktion beschränkt, den transhumanismus bekannt zu machen. für alles andere braucht er andere menschen, die ihm helfen. ihm ist auch klar, dass er sich auf dem weg nach oben verbiegen und von anderen verändern lassen muß, was für ihn aber so lange noch in ordnung sein wird, wie man ihm die chance nicht verbaut, die langlebigkeitsforschung voranzutreiben. sollte er in diesem bereich scheitern, hat er noch seine zweite karte, auf die er setzt: die transhumanistische community weltweit zu vergrößern. diese zweite baustelle halte ich für seinen größten pluspunkt und für die größte stärke jeder futuristischen bewegung: das bewußtsein aller zu verändern, indem ständig neue meme als input, um den keiner mehr herumkommt, zur verfügung stehen. auch diese methode verfolgt der präsidentschaftskandidat gezielt und führt dabei das beispiel der grünen parteien an, was wir selber schon besprochen hatten. in den usa scheint es wichtig zu sein, dass der erste atheist den weg zur spitze einschlägt…traurig, aber wohl wahr. ob er das als oppurtunist durchhalten wird, keine ahnung.
in bezug auf das UBI hat er noch einen anderen aspekt genannt: ihm ist klar geworden, dass arbeiter, die durch maschinen ersetzt werden, rebellieren könnten. dies will er mit einem grundeinkommen verhindern.
wirklich naiv finde ich seine hoffnung, die unsummen an rüstungsgeldern zur forschung umzuleiten. tolle intention, doch leider ist der weg des geldes nicht so, wie er es darstellt. wäre es tatsächlich so: ein staat verausgabt viel geld, um es in einem anderen teil der welt zu vaporisieren und nebenbei unzählige menschen zu töten, dann ist fast jede andere verwendung dieses geldes rationaler und es sollte kein problem sein, dieses geld einem anderen anderen verwendungszweck zuzuführen. ( ich hoffe, es ist klar, dass ich dieses thema jetzt jenseits von ethik vom reinen nutzenstandpunkt aus beleuchte)
das geld, von dem er spricht, geht jedoch tatsächlich aus der tasche eines jeden amerikanischen steuerzahlers und fließt in die taschen reicher waffenproduzenten bzw. in alle unternehmen, die an der waffenproduktion beteiligt sind. und die waffenlobby in den usa ist mächtig. in den ländern, in denen die waffen zum einsatz kommen, sind bodenschätze vorhanden, die die unternehmen sich im namen der usa mit hilfe des militäreinsatzes aneignen wollen. d.h. die initiatoren dieser geldbewegung profitieren zwei mal. würde dieses geld aus der waffenproduktion in die forschung umgeleitet, würden alle waffenproduktionsabhängigen wirtschaftszweige zusammenbrechen und zusätzlich die versorgung mit ausländischen ressourcen ( öl…) wegfallen.
und bisher hat es noch kein amerikanischer präsident geschafft, sich mit der waffenlobby anzulegen.

ein ideal von zoltan istvan hat mir sehr gefallen. er sagte: die lebenszeit des menschen muss geschützt werden. daran hängt jedoch noch viel mehr, als die langlebigkeitsforschung.
ein weiterer punkt, den wir hier auch schon diskutiert hatten, ist die freie verfügbarkeit des menschen über seinen körper. beide punkte sind immens wichtig und sie gehören zusammen. das potential für neue meme ist hier riesig und bedeutsam.

doch eigentlich wollte ich zoltan istvans bemerkung über wettbewerbsfähigkeit zum anlaß nehmen, um über ein grundlegendes problem reformistischer bemühungen zu sprechen.

ich tendenziell auch, nur hängt das stark davon ab, was dies im detail bedeuten sollte. besser finde ich jedoch, den revolutionären versuch mit methoden des transformatorischen zu verbinden. der kapitalismus hat eine eigendynamik, die ohnehin von selbst transformatorisch wirkt. dem “optimismus” von karl marx zufolge, wird er sich selber abschaffen…nur unter welchen verlusten und wie lange dauert das noch…??

richtig. und ich würde sogar noch weiter gehen. die wirtschaft hat bereits träume zunichte gemacht und ist eines von vielen symptomen der dominierenden geisteshaltung der masse. sie ist kein epiphänomen sondern steht in direkter wechselwirkung und hat somit den charakter einer positiven rückkoppelung. nicht leicht, eine solche dynamik zu durchbrechen.
am beispiel von eingangs genannter “wettbewerbsfähigkeit” : sollte ein unternehmer den entschluß fassen, seine angestellten angmessen zu bezahlen und ihre arbeitskraft nicht auszubeuten, wird er feststellen, dass die konkurrenz ihre produkte billiger anbieten kann und er vom markt verdrängt wird. somit schleicht sich das mem von der erfordernis der wettbewerbsfähigkeit durch eindrucksvolle erlebnisse wieder in seinen geist ein.