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Gegenstandpunkt - Politische Theorie

economics

#20

vielen dank auch dir @user0


#21

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Heinrich Heine


#22

an der wadenbeisser-mentalität wird dieser artikel sicher nichts ändern, aber eine horzionterweiterung kann er allemal sein:


#23

ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer als erster hier im Forum von Propaganda gesprochen hat. Der Propagandavorwurf ist in jedem Fall mindestens ein Jahr alt und natürlich gab es auch dazu eine Vorgeschichte. Ich bleibe in jedem Fall bei meinem Standpunkt, dass die Art und Weise wie der Kapitalismus an den Universitäten erklärt wird nicht die richtige Darstellung ist.

Ich begründe dies unter anderem damit, dass die Wirtschaftswissenschaften den Mehrwert den ein Unternehmer aus seinem Unternehmen herausholt nicht gut erklären können. Der Marxismus sagt, der Mehrwert basiert allein auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Die BWL sagt in ihren Einführungsbüchern, die Überlegenheit in der Konkurrenz basiere auf besserer Motivation der Mitarbeiter, zum Beispiel durch Gewinnung dieser für eine gute Idee.

Wenn aber der Unternehmer an der Produktion gerade soviel mehr verdient, wie er den Angestellten WENIGER Lohn zahlt, so ist doch ziemlich offensichtlich, dass die Interessen des Unternehmers im Widerspruch zu dem des Angestellten stehen. Die Interessen behindern sich gegenseitig.

Die VWL spricht an dieser Stelle von “Produktionsfaktoren”, bei dem dann “jeder seinen Beitrag zu leisten hätte”, so als wäre die Produktion von Waren ein Kooperationsakt, und nicht einer, der unter Zwang zustande kommt. Dabei arbeiten die meisten Angestellten überhaupt nicht freiwillig, sie wollen bloß nicht von Hartz4 leben. Und da die meisten Mitglieder dieser Gesellschaft entweder in einem Arbeitsverhätniss stehen, dass ihnen nicht gefällt, und/oder die ganze Zeit damit konfrontiert sind sich nicht das leisten zu können was sie wollen, halte ich die Behauptung für schlicht falsch, dass der Kapitalismus zum Wohle der Mehrheit stattfindet.

Wie dem auch sei: Ich danke für den verlinkten Artikel, mit den Ideen dieser Avantgarde habe ich mich selbst bisher noch wenig beschäftigt.

Der Analyse des Autors kann ich allerdings nicht ganz zustimmen - Das technologische Visionen “totale Unterwerfung” (von wem eigentlich?) zum Ziel hätten. Das ist diese Argumentationsweise, die ich immer gerne als Adornoismus bezeichne. Adorno erzählte auch dauernd, dass rationales Denken etwas schlechtes sei, und demzufolge auch Technologie überhaupt.

Und das Kapitalismus schon längst die Phase der freien Konkurrenz überschritten hat ist nun wahrlich nichts neues, dass war schon zu Marx Zeiten der Fall.

Dennoch, ich werde die erwähnte Personen im Artikel mal genauer unter die Lupe nehmen.


#24

eine wichtige person wurde nicht erwähnt:

ich lebe auf dem lande, und sehe gerade, wie die bauern die maisfelder mit kuhmist düngen.

also es ist so: die kühe produzieren den kuhmist, mit dem der mais gedüngt wird; der mais wächst und wird wieder an die kühe verfüttert, die wiederum machen daraus wieder kuhmist usw.

der trick an der sache ist, dass die kühe neben viel mist auch ein wenig milch produzieren. und um die milch geht es.

täte man diese relation als chemische gleichung schreiben:

                mais  -----------> milch     (die kühe sind der 
                              (kuh)                        katalysator um 
                                                          aus
                  /\
                  ||  
 (sonne)          || (kuh)                                   mais  
                  ||                                  milch und kuhmist
                                                            zu machen)
                  \/
            kuhmist

edit:

ein transhumanist würde sagen: wir basteln eine maschine, die aus sonne direkt milch macht.
ein humanist würde sagen: der sinn des lebens einer kuh ist, milch und kuhmist zu produzieren.
eine kuh würde sagen: ********** (zensiert)
:smile:


#25

Es geht im wesentlichen um die falsche Darstellungsweise, dass Kapital und menschliche Arbeit zusammen produktiv seien. In Wirklichkeit ist es eben nicht ein Handel unter gleichen der da stattfindet, und es geht den Kapitalisten auch nicht um die Herstellung nützlicher Güter um die Menschheit zu bereichern, dies ist ein Nebenprodukt, sondern allein um Kapitalvermehrung.

Das Kapital hat also die Kommandogewalt über die menschliche Arbeit, es sind eben nicht zwei gleichberechtigte Zutaten einer chemischen Reaktion.

Schaut man sich die Geschichte des Kapitalismus an, so stößt man darauf, dass der berüchtigte Manchesterkapitalismus bereits alle Kernlemente des Kapitalismus quasi von selber entdeckte.

Nun kommen die Wirtschaftswissenschaften daher und liefern quasi die Begründung hinterher, warum dies rational und im Sinne aller sei - ich behaupte das geschieht allein im Sinne der herrschenden Klasse, der Pharao wollte schließlich auch, dass seine Pyramiden “einen Sinn ergeben”.

Unterschied zum Manchesterkapitalismus:
Der Staat beschränkt die Kapitalisten heutzutage, als das sie die Arbeiter nicht mehr zu schnell verschleißen, was er im Manchesterkapitalismus ja noch ungehindert tun konnte. Das äußert sich zum Beispiel in Grenzwerten für Dieselmotoren und dergleichen. Zu hohe Grenzwerte bedeuten eine zu hohe Dezimierung der Bevölkerung. Der Staat sieht die eigene Bevölkerung in erster Linie als Verfügungsmaterial, die Höhe der Grenzwerte ist also auch eine Kosten/Nutzen-Rechnung, und damit ein Optimierungsproblem.
Geht es um Grenzwerte in anderen Ländern, so ist der Staat immer dagegen, weil ihm ist es ja scheißegal, wie es der Bevölkerung in anderen Ländern geht, dass ist ja die Konkurrenz.

Frau Merkel ist also nur so lange Klimakanzlerin, wie es darum geht anderen Ländern deutsche Umwelttechnologie anzudrehen. Wenn die anderen Länder dann die deutsche Braunkohle kritisieren, weil sie diese als Konkurrenz sehen, so ist es das gleiche Spiel mit anderen Karten. Effektiver Umweltschutz kommt jedenfalls da nicht raus.

Zurück zu den Grenzwerten:
Wenn aber genug Nachschub an Fachkräften gegeben ist, so kann dem Staat auch die Bevölkerung im eigenen Land egal sein. Dann hat er kein Problem damit, wenn die Kapitalisten zum Manchesterkapitalismus zurückkehren.

Die EU machte also den Niedriglohnsektor in Deutschland erst möglich, ohne den Deutschland kein Exportweltmeister wäre.

Was der Gegenstandpunkt also behauptet, ist dass die Wirtschaftswissenschaften permanent versuchen den status quo zu rechtfertigen. Selbst “kritische Wirtschaftswissenschaftler” weigern sich in der Regel, an Systemdiskussionen teilzunehmen.

Dies wirft der Gegenstandpunkt übrigens nicht nur den Wirtschaftswissenschaften vor, sondern auch der Psychologie, der Soziologie, der Philosophie, der Rechtswissenschaften und auch Teilen der Naturwissenschaft.


#26

naja, ich weiss nicht. irgendwie glaube ich nicht so recht daran, dass irgendwelche kapuzenmänner sich die ganze chose ausgedacht haben. imho handelt es sich um selbstorganisierende systeme, kontigente verläufe, die sich mit naturgesetzlicher stringenz ihren weg bahnen, so wie wasser stets bergab fliesst, und kaum willentlich beeinflussbar sind.

was sollen sie denn sonst machen? sie haben doch auch keine ahnung, aber müssen irgend etwas liefern, weil sie sonst genauso gut als taxifahrer arbeiten könnten. der verstand schwebt nicht wie der geist über den wassern, sondern hat sich ursprünglich entwickelt, um den immanenten evolutionären triebkräften ein werkzeug zu sein. menschliches denken funktioniert linear, natürliche prozesse verlaufen exponentiell - es ist schlichtweg nicht möglich, ein bezugssystem aus dem system heraus zu erklären, solange das bezugssystem sich selbst als referenz nimmt.

edit: hier ein kleiner stimmungsaufheller:

gehen wir mal zehn millionen jahre in die zukunft. die menschheit ist aus dem einen oder anderen grund ausgestorben, die betonbauten sind erodiert, metallkonstruktionen sind korrodiert; der kernbrennstoff aus den atomreaktoren ist zu blei, und auch die letzte plastiktüte in ihre atomaren bestandteile zerfallen.
was werden hypothetische archäologen also in zehn millionen jahren von der menschheit noch finden?
man kommt kaum drauf, obwohl es sozusagen vor der nase liegt: gebrannter ton ist quasi unzerstörbar.
in zehn millionen jahren würden archäologen überall auf der erde - toilettenschüsseln finden, einige davon wahrscheinlich noch in gebrauchsfähigem zustand.

:smile:


#27

moment, mit herrschende Klasse sind keine “Kapuzenmänner” gemeint. Die herrschende Klasse muß sich nicht verstecken, sie kann ihre machenschaften relativ legal abwickeln.

Die herrschende Klasse ist das Finanzkapital. Zum besseren Verständniss 2 Grafiken:

Die acht reichsten Männer der Welt besitzen also genausoviel wie die 50% armsten Menschen

Auch hier sehen wir: Der Reichtum ist extrem ungerecht verteilt.

Aber das wichtigste:
Diese ungerechtigkeit steigt weiter an. Wenn sich dieses System sich also selbst weiter so organisiert, wie es zur Zeit geschieht landen wir früher oder später in einem Zustand, in der die meisten gar nichts und wenige alles besitzen.

Wenn wir dies “Selbstorganisation” nennen wollen, so ist es also keinesfalls etwas positves.

Es geht nicht um theoretische Grenzen der Erkenntniss.

Der Punkt ist: diese Wissenschaften unterliegen einem Korruptionsprozess, weil die herrschende Klasse die Wirklichkeit so erklärt haben will, wie es in ihrem Sinne ist.
Das sieht man daran, dassa kritischen Wissenschaften der Geldhahn zugedreht wird, Studieren teuer gemacht wird um die Studenten in die Schuldenfalle zu treiben, damit sie gefügiger im Sinne des Kapitals sind, usw. usf.

Das nennt man dann Klassenkampf. Allerdings Klassenkampf von oben :slight_smile:


#28

hm, ich seh grad ein video über den carlos marxos, scheint grad wieder voll im trend zu liegen :slight_smile:

http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/196664/index.html


#29

ich hab eine, und einen aus wiki :smile:

Spitzenprädator, auch Spitzenräuber, Gipfelräuber, englisch auch apex predator (von lat.: apex ‚Gipfel, Spitze‘), alpha predator, superpredator, top predator oder top-level predator genannt, ist in der Biologie die nicht streng definierte Bezeichnung für eine biologische Art, die in einem Ökosystem an der Spitze der Nahrungspyramide steht. Ausgewachsene Individuen von Spitzenprädatoren haben in ihrem natürlichen Lebensraum im Allgemeinen keine natürlichen Feinde und besiedeln diesen Lebensraum meist in nur sehr geringer Dichte.


#30

Ich habe mir die Sendung angeschaut (die hälfte).

Sie ist wenig differenziert. Die Frau erzählt noch am wenigsten scheiße von allen, aber da ist auch längst nicht alles richtig. Ich gebe ihr 50%, den anderen “Experten” gebe ich maximal 20%

Wenn du was über Marx wissen willst mach nen Kapitallesekurs mit.

http://www.das-kapital-lesen.de/


#31

ich hab auch nach der hälfte aufgehört: "…den transhumanismus zu bremsen, um den humanismus zu retten… "

nun, das ist ja gerade das, was in der tpd geschieht - humanisten “kapern” den transhumanismus, um ihre antiquierte ideologie zu retten.

analog zu eingeborenenstämmen, die ihre ursprüngliche kultur und mythologische lebensweise gegen die aufklärung verteidigen wollen - clash of the cultures…

ich zitiere dann immer ash, den androiden aus alien:

“Ich kann ihnen nichts vormachen, was Ihre Chancen angeht. Aber - Sie haben mein Mitgefühl.”


#32

als ich hier vor 2 Jahren angefangen habe habe ich Wissenschaftskritik auch eher lächerlich gefunden, da ich das ganze unter Verschwörungstheorien gehandelt habe. habe damals sogar noch die gender studies verteidigt.

Inzwischen denke ich da anders.

Es gibt natürlich viel offensichtlichen Unfug der unter WIssenschaftskritik läuft, zum Beispiel die Theorie das die Erde flach sei, Kreationismus und absurde geistige Mißgeburten wie den “esoterischen Hitlerismus”. Weiterhin komische Dinge wie Hömöopathie, die auch reines Marketing sind.

Ich denke aber das man festhalten kann, dass die Geisteswissenschaften korrumpiert sind, weil es kein Interesse daran gibt, die Gesellschaft planmäßig zu erforschen. Denn sonst würde man ganz schnell beim Marxismus landen, jedenfalls einen großen Teil der marxistischen Theorie bestätigt sehen.


#33

Ich werde einfach mal ein paar aus meiner Sicht kritikwürdige WIssenschaften in diesem Thread ansprechen.

Wissenschaftstheorie:
Durch den Einfluß der Wissenschaftstheorie hat sich der Konstruktivismus und der Positivismus als weit verbreitete Wissenschaftsphilosophie durchgesetzt.

Konstruktivismus:
“Der Beobachter bestimmt das Experiment” - sagen Leute unter Berufung auf die Quantenphysik. Dabei ist es in der Quantenphysik eigentlich so, dass die Messung das Experiment bestimmt.

Durch die Behauptung der Beobachter würde das Experiment bestimmen, wird jeder Subjektivität Tür und Tor geöffnet, vor allen Dingen wird diese Behauptung auf Bereiche ausgedehnt, in denen gar keine Quantenphänomene vorkommen.

Der einzig wissenschaftlich vernünftige Standpunkt ist, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt, und wir sie auch erkennen können. Gäbe es die Wahrheit nicht, so gäbe es keinen Grund Argumente auszutauschen oder Experimente durchzuführen.

Positivismus:
Die Berufung auf Daten ohne Theorie dazu, wie diese zustande kamen führt ebenfalls in die irre. Beispielsweise weisen Stoffe in verschiedenen Aggregatzuständen verschiedene Eigenschaften auf. Während des Übergangs von dem einen in den anderen Aggregatzustand findet eine Reihe von komplexen Vorgängen statt, die ich aber nur verstehen kann, wenn ich weiß, dass das eine System in das andere System übergeht.

Eine pure Datenansammlung wird das Phänomen hingegen wie das absolute Chaos aussehen lassen.

Dementsprechend ist der Positivismus, wenn auch nicht so vollständig falsch wie der Konstruktivismus, in seiner hohen Verbreitung in Frage zu stellen.

So, dass war mein erster Versuch, mehr oder weniger aktuelle vorkommnisse in den WIssenschaften zu kritisieren, die Kritik ist natürlich auch nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen.

edit: wir können gerne weiter über die WIssenschaft im allgemeinen reden, oder wie weiter oben über einzelne Fächer.
Der Makel der Geisteswissenschat ist ein systematisches beharren auf “diversität”, so dass am Ende gar keine klare Aussage zustande kommt. Der Wissenschaftspluralismus hat meiner Meinung nach die Funktion, die endgülitge Klärung von geisteswissenschaftlichen Problemen zu verhindern.
Würde man nämlich nicht auf dem Pluralismus beharren, könnte man bestimmte Ansichten ein für allemal als falsch zurückweisen, falls sich die entsprechenden Argumente finden.

Und die Behauptung des Gegenstanpunktes ist eben, dass es diese Argumente gibt.


#34

hiermal eine Kritik des GSP am Pluralismus der Geisteswissenschaft:

Thesen:

  • Der Pluralismus der Wissenschaft ist ein staatlich verordnetes Toleranzgebot, dass das richtige Argument nicht mehr gelten lässt, sondern davor die Autorität der Lehrstühle setzt. Vor allen Dingen aber ist der Pluralismus ein sicheres Zeichen für nicht-vorhandenes Wissen. Würde man irgendetwas sicher Wissen, bräuchte man keinen Pluralismus.
  • Dieser Pluralismus führt nicht zu mehr “Freiheit”, sondern begründet die ewige Unterlegenheit der Geisteswissenschaft gegenüber der Naturwissenschaft. Denn die Freiheit des einen Wissenschaftlers endet da, wo die die Freiheit des anderen beginnt. Dementsprechend wird Wissen auf den Status bloßer Meinungen heruntergestuft.
  • Der Pluralismus äußert sich, indem nicht mehr über den Gegenstand geredet wird, sondern über den Blickwinkel auf den Gegenstand, das dann aber nach außen als Wissen verkauft wird. Der Psychologe tritt schließlich als Fachmann auf.
  • Dies führt zu einer riesigen geistigen Müllkippe, da man sich nicht von dem unnützen Ballast trennen kann. Jeder Versuch Klarheit zu schaffen ist immer der Versuch eines Konsens, der aber eben nicht zur Wahrheitsfindung führt, sondern nur dazu, den ganzen Müll zu verewigen. Also anstatt die Sache vernünftig auszudiskutieren und zu einer Lösung zu kommen, wird von verschiedenen Aspekten geredet, nur damit der Streit nicht vernünftig ausdiskutiert wird. Dieser Konsens entsht also nur so, indem man den guten Theorien die Spitze abbricht und sie zu einem bloßen Beitrag für den Kanon des Wissens reduziert, dass sich mühelos in ein Kompendum einreihen lässt.
  • Der Staat legt auf den Pluralismus der Geisteswissenschaft wert, weil er nicht will das gesichertes Wissen über sinnvolle Gesellschaften entstehen. Denn dies würde das jetzige System in Frage stellen.
  • Seit 200 Jahren behauptet die Geisteswissenschaft, auf dem Weg zum Wissen zu sein. De facto hat sich nichts bewegt. Die Methodendiskussionen leisten auch nichts, sondern reproduzieren den falschen Konsens. Die Diskussion über Methoden führt zu einer Art Wissenschaftspolizei, die über die Einhaltung künstlicher Regeln wacht, die von der Wissenschaftstheorie abgesegnet worden sind. Die Wissenschaftstheorie hat aber tatsächlich nie irgendeinen inhaltlichen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. Sie leistet etwas anderes: Ergebnisse die der Obrigkeit nicht passen, werden nicht inhaltlich infrage gestellt, sondern über die Kritik der Methoden aus dem Weg geräumt.
  • Weiterhin verschleiert das Reden von Methoden die Abwesenheit von Wissen. Das Reden von Methoden gaukelt ein systematisches herangehen vor, dass in Wahrheit nicht gegeben ist.
  • Das Wesen der Geisteswissenschaft im Kapitalismus ist nicht das bilden von Wissen, sondern von staatstragenden Ideologien. In einem anderen System könnte die Geisteswissenschaft tatsächlich zu einer Wissenschaft werden, es liegt also nicht an einem prinzipiellen Unvermögen, sondern an einem willentlich herbeigeführten. So redet sie gerne von gesellschaftlichen “Problemen”, möchte aber eigentlich gar nichts über die Ursache wissen, sondern macht “konstruktive Vorschläge”, die niemanden stören und dementsprechend auch nichts verändern.

(Manfred) #35

Finde ich ganz in Ordnung. Wobei allerdings der Begriff „Unterlegenheit“ vielleicht besser durch „Nachrangigkeit“ ersetzt werden könnte. Warum? Aus zwei Gründen.

Erstens versuchen die Geisteswissenschaften die Welt zu interpretieren, die Naturwissenschaften verändern sie. Frei nach Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Und „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“. Was aber dann die Massen „ergreifen“, um die Idee konkret und materiell durchzusetzen, das wurde und wird von den Naturwissenschaften bereitgestellt. Wobei ich unter Naturwissenschaften auch die praktischen Anwendungen in Form von Technik, Medizin oder Landwirtschaft verstehe.

Zweitens geht es um Verantwortung. Ein Geisteswissenschaftler z.B. kann ruhig mal die Theorie vom Ende der Geschichte aufstellen. Niemand wird ihn dafür ernsthaft zur Rechenschaft ziehen, wenn’s dann doch nicht eintrifft. Außer der Häme seiner Fachkollegen, hat er nichts zu befürchten. Und Schaden hat er ja auch keinen so richtig angerichtet.

Anders der Naturwissenschaftler. Wird seine neue, aber fehlerhafte Theorie angewandt und es stürzt die falsch berechnete Brücke ein, ist der Schaden gewaltig und es klopft dann recht schnell der Staatsanwalt an die Tür.

Mit anderen Worten, die Naturwissenschaften müssen letztendlich immer beweisen, dass ihre Theorien praktisch funktionieren. Ja, und dann nutzen auch die Geisteswissenschaften deren Ergebnisse - um nochmal Marx zu bemühen: „Was beweist die Geschichte der Ideen anderes, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet?“

Also hat des mit der Nachrangigkeit schon seine Berechtigung.

P.S. Bitte mich nicht falsch verstehen. Ich bin kein Feind der Geisteswissenschaften. Eher das Gegenteil. Denn gerade im Zuge dessen, was augenblicklich und in nächster Zeit von den Naturwissenschaften hervorgebracht wird, werden dringend gute „Interpreten der Welt“ gebraucht. Aber es sollte doch anerkannt werden, wer die Entwicklung bestimmt.


#36

Ich würde dem was du gesagt hast schon weitgehend zustimmen, allerdings ist ein ganz wichtiger Punkt, dass die Geisteswissenschaft nicht unterlegen sein müsste.

Die jetzige Art und Weise Wissenschaft zu betreiben führt zur Unterlegenheit der Geisteswissenschaften und zwar als unausweichliches Ergebnis.

Wenn die Geisteswissenschaften diesen Perspektivismus aufgeben würden, also nicht mehr Sätze formulieren würden wie “Aus soziologischer Perspektive ist Geld…” oder “aus psychologischer Perspektive ist Geld…” oder “aus politologischer Perspektive ist Geld…” sondern stattdessen sagen würden “Geld ist…”, also zu verbindlichen Wahrheiten finden würden, die ganz unabhängig von der Fakultät gelten, genauso wie in der Naturwissenschaft es auch keine unterschiedlichen “Perspektiven” auf die Schwerkraft gibt, wäre da schon ein ganz wesentlicher Schritt getan.

Die Schwerkraft ist eine Sache der Physik und fertig. Da braucht es keine Perspektive eines Biologen.

Die These des Vortrags ist es also, dass die Geisteswissenschaftler keine Wahrheiten finden, weil sie keine Wahrheiten finden wollen. Es ließe sich schon machen.
Dies liegt daran, dass die Geisteswissenschaften im Kapitalismus im wesentlichen eine affirmative Funktion haben. Sie sollen also gute Gründe finden, warum das jetzige System gut ist, sie sollen gar nicht ernsthafte Forschung betreiben.


(Manfred) #37

Ich kenne mich da zu wenig aus. Also wenn ich mir so unseren “Star” R.D.Precht anhöre - prinzipiell bejaht er das bestehnde System, hat aber viele Veränderungsvorschläge. Ist das affirmativ oder schon nicht mehr?


#38

Von dem Precht kenne ich jetzt nur ein paar Interviews.
Dabei ist Precht als Interviewer ja eher bestrebt, die Gegenseite erzählen zu lassen.

Ich nenne lieber ein paar affirmative Tendenzen in den Fachbereichen.

Beispiel Geschichtswissenschaft:
Ich habe in der Schule noch gelernt, Deutschland sei Schuld am ersten Weltkrieg. Inzwischen hat sich die dominierende Meinung der Geschichtswissenschaft da aber geändert, bei gleichbleibender Faktenlage hat sich nun die Auffasssung durchgesetzt, der erste Weltkrieg sei durch unglückliche Zufälle über die Nationen gekommen.

Man könnte meinen, die Geschichtswissenschaften passen sich den Bedürfnissen der Politik an. Der Schuld und Sühne Nationalismus hat ausgedient, Deutschland soll wieder “mehr Verantwortung übernehmen”, dass heißt sich aktiver an militärischen Aktionen beteiligen.

Beispiel Soziologie:
Im GSP Vortrag wird ein Beispiel aus der Soziologie genommen. Dort sind Soziologen beauftragt, die Armut in Deutschland zu erforschen. Auf den ersten paar Seiten wird dann die Schwierigkeit gesprochen Armut zu definieren. Anstatt aber hier abzubrechen, wird die Armut aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, um dann - rein zufällig - genau bei der Definition zu landen, die auch in den EU Richtlinien steht.

Ein Schelm der böses dabei denkt. Die Studie war natürlich auch durch die Regierung beauftragt.

edit: der Pluralismus leistet also folgendes: Die Geisteswissenschaft kann ihre dominierende Meinung dahingehend ausrichten, was in der Politik gerade angesagt ist. Sie müssen dann nicht sagen “das was wir vorher gesagt haben ist alles Käse” sondern können behaupten, nun “einen zusätzlichen Aspekt zu kennen, der sie die Fakten anders gewichten lässt”.

Wäre der Pluralismus nicht da, wäre diese Art der Flexibilität gar nicht gegeben, die letztendlich jedem mit genügend Geld ermöglicht, sich Sachverständige einzukaufen.


#39

ich eröffnete mal einen topic “emphatischer wahrheitsbegriff”, auf den ich aufgrund eines bannes keinen zugriff mehr habe.

der ausdruck “emphatische wahrheit” umfasst imho die problematik, die @begeistert hier anreissen möchte.

man kann es auch so ausdrücken: “wer unter narren die wahrheit spricht, ist oft der dumme”

zur illustration hier ein süffisanter artikel über einen anwärter auf den von mir frei erfundenen “fresst-scheizze-millionen-fliegen-können-nicht-irren” - galileo-galilei-gedächtnis-preis.